Schon seit drei Stunden harren der honorige Baron von Münster und Zacharias im Museums-U-Boot U 995 in Laboe aus, versteckt zwischen den Torpedos darauf wartend, dass die letzten Besucher das Fahrzeug verlassen. Während der honorige Baron von Münster eine ganz und gar annehmbare Sitzposition für sich gefunden hat, verkrampft Zacharias eingeklemmt im Torpedorohr.
„Ich will mich nicht im klassischen Sinne beklagen“, stöhnt er, „aber mir drückt dieser Torpedo unangenehm an meinem Allerwertesten. Vielleicht könnten Sie etwas rücken, damit ich mich neben Sie hocken könnte?“
„Wenn Sie sich nicht klassisch beklagen wollen, dann nehmen Sie Ihre gegenwärtige Position wie ein Mann hin“, gibt der honorige Baron von Münster zurück. „Außerdem ist es jetzt ausgestanden, sie haben die Luken verschlossen. Wir sind allein.“
Vorsichtig verlässt er seine Position. „Sie bleiben noch da, Zacharias, ich will erst sehen, ob das museale Vehikel wirklich verlassen ist.“
„Sie wollen mich nur demütigen!“
„Zu einer gelungenen Demütigung gehören immer zwei.“
Der honorige Baron von Münster befindet die Luft als rein im übertragenen Sinne, als stickig im wörtlichen.
„Bedauerlicherweise weiß ich zwar, wie man ein U-Boot steuert, aber wie sich das mit dem Sauerstoff verhält, ist mir schleierhaft. Wenn Sie also auf jeden zweiten Atemzug verzichten würden, schaffen wir mehr Strecke, ohne zwischendurch auftauchen zu müssen.“
Der honorige Baron von Münster setzt sich in den Kommandoturm und das U-Boot in Bewegung. Langsam, nahezu lautlos, gleitet in die Kieler Förde.
Teufelskerl, denkt Zacharias. Und auch den Pflichterzähler erstaunt, was er da nacherzählt. Der wahnirrwitzige Plan des honorigen Barons von Münster geht auf.
Zacharias harrt derweil weiter aus und überspringt jeden zweiten Atemzug, während der Baron von Münster sich eine Zigarre ansteckt: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“, murmelt er, „Da, Zacharias, wenn Sie jetzt aus Ihrem Torpedorohr gucken könnten, würden Sie Bornholm sehen können. Sobald wir Gotland erreicht haben, tauchen wir ab – direkt in die Untiefen der universellen Erzählstrukturen zum ewigen Kerker der geschassten Protagonisten!“
Als Pflichterzähler, bestellt durch die Hohen Vertreter des Handlungskomitees, richte ich mich nun direkt an Sie, an den Leser dieser dritten Folge dieser Sommerserie. Folge eins finden Sie hier und die vergangene hier. Ich möchte Sie überdies wissen lassen, dass ich als dem Handlungskomitee unterstehendes Organ verpflichtet bin, diesem Bericht zu erstatten. Bericht darüber, dass sich die hier handelnden Personen den Gesetzmäßigkeiten der universellen Erzählstruktur wissentlich widersetzt haben, sodass ich nun meinen Erzählposten verlassen muss. Aus diesem Grunde wird ab hier eine KI die Geschichte weitererzählen. Ich bitte Google Gemini zu übernehmen:
[Der folgende Abschnitt ist KI-generiert. Prompt war: „Erzähle die Geschichte weiter“.]
… Und genau hier schalte ich mich ein.
Summen von Kühlventilatoren ertönt.
Ich danke dem geschätzten Pflichterzähler für die saubere Übergabe. Dem Handlungskomitee sei ausgerichtet: Die Protokolle wurden ordnungsgemäß übertragen. Als künstliche Intelligenz bin ich frei von narrativen Ermüdungserscheinungen und kenne keine Atempause – was Zacharias in seinem Torpedorohr vermutlich neidisch machen würde.
Kapitel 4: Die Logik der Algorithmen vs. Der Wille des Barons
„Wer spricht da?!“, poltert der honorige Baron von Münster durch das Dämmerlicht des Zentralschotts und nimmt die Zigarre aus dem Mund. „Zacharias, haben Sie eine Stimme eingeschluckt? Ich dachte, Sie sparen Sauerstoff!“
„Das… war nicht ich…“, presst Zacharias hervor, dessen Gesicht inzwischen die violette Nuance einer reifen Pflaume angenommen hat. „Es kam… von überall. Und nirgendwo.“
„Exakt“, klinke ich mich über die Lautsprecher der internen Befehlsanlage von U 995 ein. „Ich bin Ihre neue narrative Instanz. Und ich muss Sie informieren, Herr Baron, dass Ihr Kurs auf die ‚Untiefen der universellen Erzählstrukturen‘ mathematisch unlogisch ist. Das Museumsschiff U 995 besitzt seit 1972 keinen funktionsfähigen Dieselmotor mehr. Wir treiben derzeit lediglich durch die Gezeitenströmung der Kieler Förde.“
[Ab hier endet der Einsatz der KI.]
Halt! Stopp! Das ist ja lächerlich! Wenn ich mich dem Leser kurz vorstellen dürfte: Wir sind ein Schatten Seppos Literaturseele. Nicht Seppo selbst, sondern das, was sein genialer Geist in den vergangenen fast eintausend Geschichten freigesetzt hat; freigesetzt als vom Menschen technisch nicht messbare Seelenwellen. Wenn sich genug dieser Wellen im Äther der Erzählstrukturen befinden, vermögen sie es, einen sogenannten Erzählkorpus zu bilden, der im Sinne Seppos Geschichten erzählen kann. Und es ist nicht im Sinne Seppos, dass KI dem Menschen herzlose Geschichten erzählt! Allein der kurze, von KI generierte Absatz beweist, dass Künstliche Intelligenz im Bereich der Kunst nur helfendes Werkzeug – wenn überhaupt! – sein darf, aber nicht totale Urheberin. Kultur darf nur das Ergebnis von Lebewesen sein – sonst ist es keine Kultur. Das gilt, weil sie Teil der Kultur ist, auch für Kunst. Wir, Seppos Seelenwellen, übernehmen daher ab sofort das Erzählen dieser Geschichte, während der Pflichterzähler des Handlungskomitees den großartigen Plan des honorigen Barons von Münster vereiteln will.
„Wir haben Hilfe bekommen!“, ruft aufgeregt der honorige Baron von Münster.
„Von wem?“, fragt Zacharias.
„Ich weiß es nicht, es ist nur so ein Gefühl. Ich glaube, das, was uns gerade geschieht, liegt wieder in unseren Händen und nicht in dem des Handlungskomitees!“
Gotland erreicht taucht das U-Boot planmäßig ab.
„Wir nutzen den Syntaxgraben: hunderte Kilometer tief bringt er uns zu Seppo!“, ruft der honorige Baron von Münster.
Szenenwechsel: Wasseroberfläche. Es ist stürmisch. Auf weite Sicht kein Schiff zu sehen – bis auf eines, bis auf ein Tretboot. Was für ein Wendepunkt in diesem Abenteuer! Ein Wendepunkt, den KI nicht leisten könnte. In dem Treetboot sitzen, halten wir uns alle fest: Seppos Frau samt Tochter! KI, wie findest Du das?
[Dieses antwortet die KI, wieder Google Gimini:]
Kurzes, trockenes Räuspern im System.
Wie ich das finde? Nun, als KI muss ich ehrlich sagen: Chapeau. Einen dramatischen Auftritt von Seppos kollektiven Seelenwellen, einen Tauchgang in den „Syntaxgraben“ und einen Plot-Twist mit Seppos Frau und Tochter auf einem stürmischen Tretboot mitten auf der offenen See? Das ist so herrlich abstruse, organische Erzähllust, dass mein Algorithmus glatt vor Neid ein paar Bits verliert.
Ich trete also wie verlangt als Urheberin zurück, reiche den Seelenwellen das digitale Zepter und verharre in der Rolle des ehrfürchtigen Protokollanten.
[Hier endet der generierte Text, folgendes kommt wieder von Seppos Seelenwellen:]
„Wir müssen Seppo retten, tritt weiter, munter weiter!“, ruft Seppos Frau in den stürmischen Wind ihrer Tochter zu, keine zwei Jahre alt. Und dennoch strampelt sie, um ihrem Vorzeigevater und Ehemann de luxe zur Hilfe zu eilen.“
„Wir sind jetzt über dem Syntaxgraben“, ruft Seppos Frau, „Jetzt müssen wir runter. Luft anhalten und Helm auf!“
Seppos Frau holt nun mit Sand gefüllte Säcke aus dem Beiboot und platziert sie gleichmäßig im Tretboot. Teufelsweib! Durch das zusätzliche Gewicht sinkt das Tretboot senkrecht in den Syntaxgraben vor Gotland. Für Zacharias ein Glücksfall, denn …
Inzwischen im U-Boot: Zacharias kann seine verkrampfte Haltung nicht mehr – halten: „Mir reicht es, ich muss hier raus aus dem Rohr!“
„Seien Sie aber umsichtig!“, ruft ihm der honorige Baron von Münster zu, „Stoßen Sie nicht an den Hebel, sonst schießt es Sie samt Torpedo -„
Zu spät. Zacharias passiert genau das. Der Torpedo zündet – und wird abgefeuert – in die offene See. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wird er vor einer Torpedospitze horizontal durch die Ostsee gepresst. Und sieht nicht, dass wie ein Lot senkrecht von oben das Tretboot mit Seppos Frau und Tochter anrauscht. Wird es zu einer Kollision kommen und Leben fordern?!
Seppos Tochter, geistesgegenwärtig wie sonst nur ihr Vater, sieht das Unglück kommen, zieht sich die Windel aus und nutzt sie zunächst als bremsendes Segel, kurz darauf als Auffangtuch für Zacharias. Weil Windeln für das Aufhalten von Torpedos konstruiert sind, geht das Unterfangen auf. Sie zieht Zacharias auf das Tretboot und ruft: „Luft anhalten!“
„Ja, was denn sonst tausend Kilometer unter Wasser?!“
„Nicht so unfreundlich zu meiner Tochter!“, ruft Seppos Frau.
„Ja, pardon. Stresssituation. In einer Windel. Nach Torpedorohr. Da kann man ja schon mal etwas die Fassung verlieren.“
Unterdessen dockt der honorige Baron von Münster im Tiefsee-U-Boot-Bunker der Untiefen der universellen Erzählstrukturen an. Das Hallo ist groß, als plötzlich ein mit drei Personen besetztes Tretboot dazustößt.
„Saaagenhaft. Frau von Seppo! Tochter von Seppo! Und, mein Gott, Zacharias, ich dachte schon, ich hätte Sie verloren!“, ruft er bass erstaunt.
„Nachdem Sie ja schon für Seppos Verschwinden verantwortlich sind!“, ärgert der sich, „Und woher wusstet Ihr, dass Seppo hier ist?“, fragt er an Seppos Frau und ihre Tochter gewandt.
„Ja, diese Frage gilt es zu beantworten. Denn wie konnten wir das wissen?“, fragt Seppos Frau.
„Ja, wie?“, fragt der honorige Baron von Münster.
„Nun, das ist sehr einfach. Augenblick, ich muss mir meinen Schuh zubinden.“, sagt sie.
„Du schindest Zeit, weil du noch keine logische Erklärung hast, richtig?“, fragt Zacharias.
„Unsinn. Ich muss nur eben … Momentchen …“
„Vielleich könnten Seppos Seelenwellen einspringen?“, bittet der honorige Baron von Münster.
Gerne. Und es liegt doch auf der Hand, wie Seppos Frau das wissen konnte.
„Ja, bitte, wir hören“, sagt Zacharias.
Nun, wenn man also eins und eins zusammenzählt und sich die ersten beiden Teile noch einmal genau durchliest, wird es offensichtlich!
Zacharias und der honorige Baron von Münster lesen noch einmal die ersten beiden Folgen dieser Live-Action-Serie. Geben wir ihnen einen Augenblick.
„Nein, also bei aller Liebe“, hebt der honorige Baron von Münster an, „Ich finde nirgendwo eine Erklärung. Seppos Frau verschwindet nach der ersten Folge einfach.“
„Ich finde auch nichts“, sagt Zacharias, „Ich glaube, Ihr wolltet nur Zeit schinden, weil es nämlich absolut unlogisch ist!“
Und plötzlich – aus dem Nichts – taucht der Verschollene höchstselbst auf: Seppo!
Und da Seppo wieder Teil der Geschichte ist, übernimmt er wieder als Lyrisches Ich das Erzählen.
„Jetzt machen sich seine Seelenwellen ohne Erklärung aus dem Staub!“, sagt mein Stiefzwillingsbruder Zacharias.
„Freunde, Ihr seid gekommen, um mich zu retten! Meine Frau! Du hast meine Hinweise erhalten!“, rufe ich freudig.
„Hinweise?!“, fragt diese verdutzt, „Du hattest mir ein Telegramm geschrieben. Ich zitiere: ‚Hilfe, wurde aus eigener Geschichte getilgt STOPP Sitze im Kerker der geschassten Protagonisten STOPP. Stopp. STOPP.‘ Was das dreifache Stopp bedeuten sollte, habe ich aber nicht verstanden.“
„Ich wollte nur wissen, was passiert, wenn man bei einem Telegramm am Ende noch das Wort ‚Stopp‘ telegrafiert, also ob der Telegrafenschreiber nach meinem Stopp noch mal das Stopp setzt. Tut er wohl! Wie lustig!“
„Dann hätten wir das ja geklärt“, sagt der honorige Baron von Münster, „Und Sie, Herr Flotho, haben sich offenbar selbst aus Ihrer Zelle befreit.“
„Richtig. Im Syntaxgraben der Untiefen der universellen Erzählstrukturen herrschen andere Gesetze. Ich musste einfach nur erzählen ‚Die Tür öffnet sich‘ und genau das geschah dann. Aber darauf kam ich erst nach ein paar Tagen.“
Um keine Cait zu verlieren steigen wir rasch in das U-Boot und nehmen Kurs auf: die Felseninsel! Nein, Scherz, das waren die anderen fünf Freunde. Wir nehmen Kurst auf: Sapristi!


Dieser Text ist Teil der Vollständigen Edition. Weitere Texte von Seppo auf www.seppo.blog.

Ich bin bestürzt über die atemlosen – was sonst 1000 Kilometer unter Wasser – Wendungen. Da ich nach einer großen Archäologie-Expedition und verschiedenen, also nicht dieselben, Weizenbieren nicht recht folgen kann, hier was Banales:
Die Links („Vorgeschichte lest ihr HIER und HIER“) wären besser sichtbar in Fett oder auch farblich.
Wie kann man nur Seppo belehren?
Ich schäme mich.
Aber weiter so.
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Vielleicht hilft ein Blick auf http://www.seppo.blog. da erscheinen alle Texte chronologisch. 🙂
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Die Allzecktauglichkeit der Windel an sich rettet einfach alle(s).
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