Zufrieden sacke ich auf meine Frau und murmele: „Hochleistungssport. Respekt. Ist ja auch gut für die eigene Figur. Und für die Mobilität. Das sind ja Bewegungsabläufe, die im allgemeinen Alltag praktisch nicht stattfinden. Einer steifen Hüfte will vorgebeugt sein. Auch durch Vorbeugen, übrigens. Vorbeugen als Vorsorgen. … Du sagst ja gar nichts. Wohl noch ganz erschlagen?!“

„Mit wem sprichst Du?“, fragt meine Frau, die ins Schlafzimmer kommt.

„Mit dir. … Moment. Moooment, wie kannst du denn jetzt reinkommen, wo du doch unter mir liegst?!“

Tatsächlich ist das ja eine sehr ungewöhnliche Konstellation, die dem Leser an dieser Stelle deutlich sein muss, damit er dem weiteren Geschehen folgen kann. Da liege ich, es war am Morgen, auf meiner Frau, die dann aber zur Tür hereinkommt und fragt, mit wem ich denn spreche. Da ist das große Hallo, das Worte nicht adäquat beschreiben können, eine nachvollziehbare Folge.

„Wer zur Hölle liegt da unter dir?!“, ruft jetzt meine Frau, die – strenggenommen – das Glück hat, mich gerade von hinten-oben, aber auch irgendwie von vorne-unten zu sehen.

„Ja, das ist eine gute Frage! Hast du eine Zwillingsschwester?!“

Die Person unter mir regt sich endlich: „Nein, Seppo. Ich bin es.“

Ich erkenne die Stimme der Person sofort, die sich jetzt die Maske vom Kopf zieht, eine Maske, die das Antlitz meiner Frau naturgetreu vorzugeben vermag. Doch das wahre Gesicht, das sich mir nun zeigt, es ist mein eigenes, denn es ist auch das von …

„Zacharias!“, rufe ich!

„Ganz richtig, dein Stiefzwilling!“

„Bist du noch ganz sauber?! In was habe ich gerade hineinejakuliert?!“

„Das war in der Tat der komplizierteste Teil meiner Tarnung. Da habe ich nächtelang dran gesessen, an dieser Vorrichtung, damit du keinen Verdacht schöpfst!“

Meine Frau steht noch in der Tür, ringt um Worte und findet diese: „Das ist in all den Jahren, in denen ich in die seltsamsten und skurrilsten Geschichten gezogen werde, die Abartigste und Widerwärtigste. Ich bestehe darauf, dass mein Name weiterhin nicht genannt wird!“ Sie geht.

„Renate, so warte doch!“, rufe ich. Und schmunzele. Auch Zacharias goutiert meinen kleinen Scherz mit dem falschen Namen.

„Renate, ein typischer Loriot-Name, nicht schlecht, Seppo. Und nun geh erstmal runter von mir.“

„Warte, Moment, Augenblick … Ja, jetzt müsste es … Ja, draußen. Es geht.“

„Du fragst dich sicherlich, was diese Tarnung soll.“

Ich bejahe und spekuliere: „Es brauchte vermutlich einen Knaller-Einstieg in diese neue Sommer-Serie?“

„Ja, die Alternativen hätten dir nicht gefallen. Alle langweilig, mir schwebte zunächst etwas im Untergrund vor, geheimer Zugang zum Mittelpunkt der Erde. Aber das gab’s schon. Dann war eine Idee, dass ich dir als falscher Arzt im Krankenhaus begnene, aber dann hätten wir erklären müssen, warum du in einem Krankenhaus bist.“

„Du wirst lachen, aber da bin ich derzeit jeden Tag. Morgen allerdings fahren wir in den Urlaub!“, sage ich und deute auf die fast fertig gepackten Koffer.

„Nun, Seppo, du wirst deiner Frau eine Planänderung nahebringen müssen. Deshalb bin ich hier. Die ganze Maskerade war notwendig, denn: Sie sind wieder da.“

Ich erstarre. Dieses Mal nicht des lustvollen Höhepunkts wegen, sondern weil mir klar wird, dass es doch nicht vorbei ist. Wieder holt mich meine Vergangenheit ein.

Ich werfe mir ein lockeres Negligé über und gehe zu meiner Frau in die Küche. Sie kocht gerade unser traditionelles Urlaubsabreisegericht. „Was ist dies Mal drin?“, frage ich.

„Toast, Gurken, etwa zehn Pakete deiner vegetarischen Fleichalternativen, Hafer, zwei Pakete Butter, etwa 40 Eier. Und deine vegetarischen Schinkenwürfel. Alle schon zwei Wochen drüber, hab ich mit reingeworfen. Überbacke ich dann alles mit Käse und schmeiß es dann weg.“

„Top. Ich freue mich!“

Das sind die verderblichen Lebensmittel, die wir nicht mit in den Urlaub nehmen wollen. Weil ich alles, worauf es Mengenrabatt gibt, in haushaltsunüblichen Menge einkaufe, kommt es gelegentlich zur Fehlallukation unserer Lebensmittel. Butterberge sind durchaus nicht nur Problem europäischen Binnenmarktes, sondern finden auch auf Mikroebene statt.

„Du, wo wir gerade beim Thema Urlaub sind irgendwie. Du erinnerst dich ans letzte Jahr, als wir kurz vor unserer Abfahrt – haha, was haben wir noch oft darüber gelacht -, also als wir unsere Reiseroute leicht anpassen mussten?“

„Seppo. Natürlich erinnere ich mich. Wir fanden uns auf einer Nazi-Mondstation wieder und haben Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, dahin befördert, wo sie hingehört. Und es war noch irgendwas mit Russen. Wir haben die Welt gerettet und dafür unseren Urlaub geopfert. Und meinst du etwa, ich wüsste nicht, was es bedeutet, wenn jetzt, heute, einen Tag vor Abreise, dein Stiefzwillingsbruder hier auftaucht? Darf ich annehmen, dass deine Vergangenheit als Raketenforscher dich abermals einholt und abermals unseren Urlaub vereitelt?“

„Ja, im Prinzip fasst es alles gut zusammen. Die Rutzteken sind wieder da.“

Hinter mir liegt eine stationsreiche Berufslaufbahn. Ich hatte in den vergangenen Jahrzehnten hier und da Probleme, Fuß zu fassen. Als ich vor etwa 20 Jahren zu dem Schluss gekommen war, dass meine geisteswissenschaftliche akademische Bildung mich, sagen wir mal, nicht auf Anhieb in eine gut bezahlte Position befördern würde, ließ ich mich – ich war jung und brauchte das Geld – vom rutztekostanischen Geheimdienst anwerben. Natürlich war mir zunächst nicht klar, dass es eben jener Geheimdienst war, hielt ich die Männer doch für Mossad-Agenten, als sie mich in ihren Wagen zogen, da sie dabei immer ‚Mossat, mossat‘ riefen. Erst später während meiner Einbürgerung lernte ich, dass Mossat das rutztekostanische Wort für Fettsack ist. Ich habe seitdem aber viel Sport getrieben. Laufen und Kraftsport. Denn ich hatte mir ihre Worte sehr zu Herzen genommen.

Das rutztekostanische Regime hatte deshalb Interesse an mir, weil es zu jener Zeit sein bis zuletzt gefürchtetes Raketenprogramm aufzulegen begonnen hatte. Und weil seinem Geheimdienst nichts entgangen war, wusste der auch, dass ich der Meinung war, Raketenforschung sei keine Herausforderung, sie sei ja schließlich keine Raketenwissenschaft.

Vor Ort im Raketenforschungszentrum auf der Hauptinsel Sapristi stellte sich heraus, dass ich mich noch so bemühen konnte, eine Rakte bekam ich nicht gen Firmament. Es stellte sich heraus, dass Raketenforschung durchaus eine Raketenwissenschaft ist. Die Erkenntnis allerdings rettete mich vor dem Galgen, denn die war auch für die Rutzteken neu, sodass sie mir eine eins-a raketenwissenschaftliche Ausbildung angedeihen ließen, wonach ich auch in sämtliche Staatsgeheimnisse eingeweiht war.

Dieses Wissen allerdings erwies sich als Stolperstein auf meinem Weg zurück nach Deutschland.

„Mossat, mossat! Mossat!“, erklärte man mir und ich unterschrieb eine Verschwiegenheitserklärung. Würde ich nur ein Wort verraten, würde man mich finden – egal, wo auf der Erde. Und so trennten sich damals unsere Wege – aber erst nachdem es mir gelungen war, die tödlichste Waffe der Welt zu entwickeln und feierlich dem Schurkenstaat zu übergeben: die interplanetare Hyperschallatomwasserstoffkernfusionssolarwindkraftrakete SF-2000, das Vorgängermodell der interplanetaren Hyperschallatomwasserstoffkernfusionssolarwindkraftrakete SF-3000, die uns den Sommer 2025 verhagelt hatte.

Ich kürze es etwas ab: Im späteren Verlauf meines turbulenten und eben überhaupt nicht langweiligen, vorhersehbaren Lebens gelang es mir, den Rutzteken die Waffe zu entreißen – mitsamt ihren Bauplänen. Nachdem ich die Vorbereitungen zu einem neuen Weltenbrand getroffen hatte – versehenlich -, hatte ich nun also den Weltfrieden sichergestellt. Dankt mir niemand, hänge ich auch nicht an die große Glocke. Dass nun aber Zacharias aufgetaucht ist, ist kein gutes Zeichen. Warum eigentlich nicht? Hier will ich mit offenen Karten spielen: Ich habe leider vergessen, welche Rolle er überhaupt dabei spielt, Augenblick …

So, ich habe es nachgelesen. Eigentlich recht naheliegend: Die Rutzteken haben aus meiner DNS unter Zuhilfenahme einer Leihmutter eine bösen Zwilling geschaffen, meinen Stiefzwilling Zacharias Flotho. Warum? Augenblick, muss ich auch nachlesen. Diese Geschichten gibt es seit mehr als zehn Jahren, da hab ich nicht immer alles im Kopf …

Ahja, richtig. Da Zacharias weiß, was ich weiß, kennt er auch die Pläne zur interplanetaren Hyperschallatomwasserstoffkernfusionssolarwindkraftrakete SF-3000. Richtig, so war es. Zacharias allerdings hat die Seiten gewechselt und kämpft nun für das Gute. Wir sind K.I.T.T., die Rutzteken sind K.A.R.R.

Zacharias kommt zur Tür herein: „Seid ihr so weit? Wir müssen aufbrechen. Das U-Boot legt morgen früh ab.“

„Das U-Boot?!“, fragt meine Frau, die gerade Kekse für unsere Tochter, knapp zwei Jahre alt, backt.

„Ja, wir reisen mit dem U-Boot nach Sapristi. In nicht einmal 24 Stunden werden rutztekostanische Agenten eure Wohnung stürmen auf der Suche nach diesem Mossat hier.“

„Sie suchen den israelischen Geheimdienst?!“, fragt sie.

„Nein, nein. Mossat heißt so viel wie Fettsack.“

„Ich fahre morgen in den Urlaub. In diesem Jahr müsst ihr auf mich und unsere Tochter verzichten. Wir fahren ohne dich in den Urlaub, Mossat! Regele endlich deinen Raketenmist! Oder verleg ihn in den Winter. Ich lasse mir diesen Sommerurlaub nicht nehmen!“

„So soll es sein“, rufe ich, „Zacharias, packen wir es an. Auf nach Rutztekostan! … Was machen wir dann da?“

„Wir töten den Präsidenten!“

„Steinmeier?“

„Nein. Den rutztekostanischen. Grobostan Groczlow, den Zweiten! Töten wir ihn, fällt das Regime und die Menschen sind frei!“

„Das hätten wir im Prinzip ja schon letztes Jahr erledigen können, oder? Sehr weitsichtig war das nicht. Vielleicht sollten wir jetzt schon überlegen, was wir uns im Sommer 2027 wünschen werden hätte diesen Sommer erledigt werden müssen, werden.“

„Du hast Recht. Töten wir seine ganze Familie und bei der Gelegenheit auch noch den amerikanischen Prä-„

Meine Tochter kommt herein. Traurig sieht sie mich an. Ihr kleines Herz weiß, dass es Zeit ist für mich, in den Kampf zu ziehen. Für die Menschen – aber erst recht für sie.

„Weine nicht“, sage ich zur ihr, „dieser Kampf ist schließlich keine Raketenwissenschaft.“

„Sondern schlimmer“, sagt kopfschüttelnd meine Frau – und das Abenteuer beginnt.

Dieser Text ist Teil der Vollständigen Edition. Weitere Texte von Seppo auf www.seppo.blog.