„Was tust du da?!“, ruft meine Frau, was ich aber nicht verstehe und damit als lyrisches Ich, das es drauf hat, eigentlich bereits ausfalle. Doch ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, dass Leserinnen und Leser es schon vor knapp 200 Jahren einigermaßen klaglos hingenommen haben, wenn ein Lyrisches Ich mehr erzählte, als es eigentlich wissen konnte: wie beispielsweise im größten Bildungsroman Großritanniens, Charles Dickens‘ ‚David Copperfield‘.

„Waaaas?!“, rufe ich also zurück, um dem unverständlichen Gebrabbbel meiner Frau Sinn zu entlocken.

„Was du da maahaachst?!“, gibt sie zurück, was ich wegen des Staubsaugers abermals nicht verstehe.

„Ich kann dich nicht verstehen, ich sauge!“, rufe ich leicht gereizt, „Ich sauge ja ganz offensichtlich!“

„Aber was saugst du da?!“, will sie wissen, tritt dann auf den Schalter des Miele 3000, dessen Rauschen langsam ausfadet.

„Was?!“

„Warum saugst du die Wand?“

„Wegen der Spinnenweben. Und ehrlich gesagt auch wegen der Spinnen. Den will ich sehen, der vor dem Wegsaugen von Spinnenweben die Spinnen aus den Spinnenweben entwebt. Wobei, während ich das so sage, halte ich das gar nicht für so abwegig. Würdest du die Spinnen vorher aus dem Netz nehmen, um dann das Netz wegzusaugen? Wo würdest du die Spinne dann hinlegen? Nur kurz zur Seite? An die Seite? Beiseite? Nein, beseitigen ist die Lösung! ‚Beseitigen‘ kommt von ‚an die Seite legen‘. Zartbesaitete Spinnen beizeiten ins Jenseits begleiten“, murmele ich.

„Das heißt nicht Spinnenweben, das heißt Spinnweben!“, sagt sie kühl.

„Nein, nein, das kann nicht sein. Wenn Spinnen weben, weben sie ja wohl Spinnenweben. Nein, Augenblick, das klingt nicht richtig. Spinngewebe, Spinnengewebe, Mooooment …“

„Da sind nirgendwo Spinnweben! Jede Woche saugst du die Wände ab!“, sagt sie.

„Dann wusstest du ja ganz genau, was ich hier mache!“

„Du saugst ohne Rohr! Wo ist das Staubsaugerrohr?!“

„Das hat unsere Tochter. Ich wollte es ihr wieder wegnehmen, da fing sie an zu schreien. Mir reichten schon die 37 Grad Hitze, da entzog ich mich eilig dem Geschrei. Ich lasse schreien, ich interveniere nur dann, wenn zielführend. Wenn sie mit dem Staubsaugerrohr Saugen spielen will, soll sie es tun.“

Wir vernehmen ein klirrendes Geräusch aus dem Flur, gefolgt von großem Geschrei.

„Der Spiegel!“, rufe ich und ahne, dass sie Saugen am Spiegel gespielt hat. „Sie machen alles nach, diese kleinen Menschen machen einem einfach alles nach. Keine eigenen Ideen!“, rufe ich und will meiner Frau hinterher in den Flur, die sich bereits zur Erstversorgung auf den Weg gemacht hat. Ich allerdings stolpere über die Stuhllehne ausgerechnet des Stuhls, auf dem ich stehe und krache auf den Boden, gebremst nur vom Miele 3000. Ich schreie.

„RUHEEEEE!“, schreit meine Frau, die mit unserer schreienden Tochter auf dem Arm zurückkommt.

„Ich bin verunglückt!“, rufe ich, „ich muss schreien!“

Unsere Tochter tut, was nur Kinder können: Sie schreit, weint und lacht gleichzeitig. Schreit wegen des Schrecks durch den zerdepperten Spiegel, weint, weil meine Frau schreit, und lacht, weil ich auf dem Miele 3000 liege, der unverdrossen an meinem Wadenbein saugt.

„Wir sollten uns beruhigen. Es ist die Hitze, wir leiden alle. Ich verkünde folgende neue Regel: Niemand in dieser vorbildlichen Familie saugt auf Stühlen stehend, niemand spielt mehr Spiegel Saugen und vor allem spricht niemand jemanden an, der gerade saugt und das Ansprechen gar nicht mitbekommen kann! Nicht auszudenken, ich hätte mich erschreckt! Ich hätte vom Stuhl fallen … naja, also, ich meine …“

„Das sind drei Regeln“, sagt meine Frau.

„Was?!“

„Das waren drei Regeln!“

„Das ist eine Kombi-Regel!“, rufe ich misspört.

„Papa ist in Rage“, sagt meine Frau zu unserer Tochter, die ihre Lebensfreude wiedergefunden hat. Auch sie zeigt bei dieser Hitzewelle gewisse Wesensveränderungen, scheint mir leichter reizbar zu sein. Ich hingegen bin am dritten Tag dieser Hitzewelle erstaunlich entspannt. Ich vermute, ich gehöre zu den Menschen, die den Alltag mit Ach und Krach und viel Massel und Durchwurschteln irgendwie meistern, ihr wahres Potenzial aber erst dann entfalten, wenn die Welt untergeht. Dann ist es zwar irgendwie zu spät, aber ihre letzten Stunden sind ihre besten – das macht auch mich zu einem wahren Helden, denke ich.

„Wenn ihr mich nicht hättet!“, rufe ich aus, während meine Frau im Badezimmer steht und ihre Hand verarztet.

„Was ist passiert?“, frage ich.

„Ich habe mich beim Zusammenschieben der Scherben geschnitten.“

„Du blutest auf den Teppich. Blute in das Waschbecken. Dafür ist es ja da.“

„Dafür ist es nicht da.“

„Ja gut, aber auch.“

Das Licht geht aus. Überhaupt, alles geht aus.

„Verdammich!“, rufe ich, „Stromausfall? Der Russe? Ich hab eben noch gedacht, dass ich erst im Untergang mein wahres Potenzial entfalte! Und schon geht es los! Mit Strom weg fängt es immer an!“

„Vielleicht wegen der Hitze?“, überlegt meine Frau.

„Zu heiß für Strom? Kann Strom verdampfen? Ist der Strom verdampft?“

Auf dem Weg zum Sicherungskasten im Hauswirtschaftsraum, nein, Scherz, wir haben keinen Hauswirtschaftsraum, wir haben einen Keller. Aber auf dem Weg zu hiesigem Kasten mit den Schutzschaltern – aus Erfahrung weiß ich, es sind die FI-Schalter, also Fehlerstromschutzschalter – hören wir aus dem Wohnzimmer das Wimmern unserer Tochter.

„Was denn jetzt wieder?!“, rufe ich.

Wir gehen ins Wohnzimmer und finden unsere Tochter vor einem brennenden Ventilator sitzen.

„Sie wärmt sich auf“, scherze ich, merke aber schnell: falscher Moment. Renne in die Küche und hole unseren Feuerlöscher.

„Ich haaaaab’s gewusst! Irgendwann würden wir ihn brauchen! ‚Sicherheit zu jeder Zeit – im Namen der Gemütlichkeit‘!“, rufe ich den von mir vor Jahren erdachten Werbeclaim des Feuerlöscherherstellers Protex 3000.

Ich löse das Siegel des Löschers, was mir aber nicht auf Anhieb gelingen will.

„Nun lösch doch! Herrgott, ich hole Wasser!“, ruft meine wirklich sehr praktisch veranlagte Frau, während sich mein Daumen im Siegel des Feuerlöschers verfangen hat.

„Großer Gott!“, rufe ich, „Damit war doch nicht zu rechnen, dass man sich mit dem Daumen beim Öffnen des Siegels im Siegel verfängt! Sieh doch nur, die Flammen greifen auf den zweiten Ventilator über!“

„Deine verdammte Ventilatorfarm!“, ruft meine Frau, während sie das Feuer löscht.

„Ohne meine Ventilatorfarm wären wir schon an Tag eins der Hitzewelle ver-, ver-, verdoren? Wie sagt man, verdorren?! Yamoussoukro!“

„Vordorrt! Aber dank deiner Ventilatorenfarm brennen uns die Leitungen durch. Wie sind die Ventilatoren denn angeschlossen?!“

Ich muss nun den Leserinnen und Lesern gegenüber etwas ausholen, um diese Situation einzuordnen, wir werden sehen, es wird sich alles in Wohlgefallen auflösen.

„Wird es nicht“, unterbricht uns nun meine Frau.

Augenblick, ich will nur kurz erklären, warum wir hier überhaupt von einer Ventilatorenfarm sprechen. Es begann vergangene Woche im Büro, als dort mein Ventilator, tja, wie soll ich sagen, explodierte. Klingt ausgedacht, ist es aber nur in Teilen, aber was daraus folgt, ist wahrhaftig: Er ist hinüber, er bläst nimmer mehr. So kam ich auf die Idee – denn im Untergang erst entfalte ich mein wahres Potenzial – mir einen USB-Ventilator zu bestellen. Zu meinem Glück gab es den im Doppelpack recht günstig und als die Hitzewelle begann, fragte ich mich, ob es möglich wäre, nicht nur direkt 20 USB-Ventilatoren in Betrieb zu nehmen, also praktisch als Dolby- Surround-Oszilationsgebläse, sondern – für mehr Power – die Ventilatoren ohne Trafo ans Stromnetz anzuschließen. Meine Rechnung „Mehr Strom gleich mehr Wind“ ging auf. Es ist Windkraft – nur eben umgekehrt. Erneuerbarer Wind gewissermaßen. Nicht nur wollte ich meiner Familie auf die Weise die Illusion von Frischluft verschaffen, um sie durch die Hitzwelle zu bringen, sondern wollte auch noch klimaneutral Wind erzeugen. Mit Ökostrom aus der Wand, produziert von Windkraft. Aus Wind mach Wind. In der Krise entfalte ich mein wahres Potenzial.

„Du hast die USB-Dinger einfach so an den Hausstrom angeschlossen?!“, fragt meine Frau.

„Ja, mehr Strom, mehr Wind. Hat ja auch geklappt. Ich zumindest fand es bei uns zuletzt recht windig. Gebe aber zu, dass die Flammen den Raum erheblich aufgeheizt haben. Wir sollten in den Garten, um uns abzukühlen. Sobald ich mich aus dem Protex 3000 befreit habe.“

Meine Tochter sieht sich meinen feststeckenden Daumen genauer an und fängt an zu lachen. Sie hat ihren Lebensmut wieder gefunden, merke ich, und freue mich, dass sie ein gewisses Verständnis von Humor hat. Das wird sie brauchen.

„Warum, was hast du vor?!“, fragt meine Frau.

„Der Rasen.“

„Was ist mit unserem Rasen?!“

„Ich will doch heute den Rollrasen ausrollen. Für den Besuch morgen.“

„Wir kratzen an der 40-Grad-Marke und du willst den Rasen ausrollen?!“

„Es ist ja Rollrasen!“

Dazu muss man wissen, dass wir, wenn wir Besuch erwarten, kurz vorher immer ein mehrtägiges Programm abspulen.

„Ich nicht“, sagt meine Frau, „du!“

Meinetwegen. Wir sanieren. Das betrifft auch den Garten. Für den Besuch rollen wir immer neuen Rollrasen aus. Ich gehe da vor wie beim Tapezieren. Die alten Tapeten bleiben dran, es wird drübertapeziert. Auf die Weise wird der Raum zwar immer kleiner, aber man spart sich das Abreißen der Tapeten. Und unser Rasen liegt inzwischen auf einem Berg.

Dieser Text ist Teil der Vollständigen Edition. Weitere Texte von Seppo auf www.seppo.blog.