Es ist einer dieser Tage, an denen man sich auf den Weg macht, um ein U-Boot zu kapern, mit dem man dann bar jeder nautischen Erfahrung über zunächst die Ostsee und dann die sapristischen Tiefen in tiefosteuropäische rutzteksotanische Gewässer vordringt. Denn das ist der Plan, den mir mein Stiefzwillingsbruder Zacharias grob skizziert hat, nachdem ich ihn gefragt hatte, woher eigentlich wir ein U-Boot bekämen.
„Das ist das Herzstück meines Plans“, erklärte Zacharias mir stolz, „wir leihen uns eines aus. In Kiel, genauer Labo, liegt eines rum. Das Unterseeboot 995. War im Zweiten Weltkrieg im Einsatz, ging dann an die norwegische Marine, bevor es in den Siebzigern zurück nach Deutschland kam: als Museumsschiff. Streng genommen besuchen wir lediglich ein Museum – und machen daraus ein sehr inversives Erlebnis.“
„Du meinst immersives Erlebnis.“
„Jedenfalls ist es kein Diebstahl, wenn wir uns mit dem Museum durch den Ozean bewegen. Wir besuchen das Museum eben nur sehr ausführlich.“
„Und das funktioniert noch? Also das U-Boot?“, fragte ich.
„Wenn die Deutschen eines können – und sie können nichts -, dann ja wohl U-Boote. Also, auf nach Labo!“
„Heißt es eigentlich nicht Laboe?“, fragte ich.
„Nein, nein, Labo.“
„Aber da ist doch ein E hinter dem O.“
„Sofern da wirklich eines ist, was ich für Mompitz halte, ist es ein stummes E. Wie das stumme A in Ose“, erklärte mir Zacharias geduldig.
„Ose? Du meinst Oase?“
„Wieder Mompitz.“
„Mumpitz. Nicht Mompitz. Mit U.“
„Ja, aber mit einem weiten U, also eher wie ein O gesprochen. Wie bei Pot. Und jetzt auf nach Labo.“
„Du meinst Poet. … Wie kommen wir nach Laboe? Meine Frau ist mit dem Auto in den Urlaub gefahren, das fällt also aus.“
„Wie seltsam, dass du das erklärst. Ich war doch dabei. Mansplainst du mich?“, empörte sich Zacharias.
„Nein! Es ist nicht immer gleich Mansplaining, wenn irgendwer irgendwem etwas erklärt.“
„Trägst du dann Eulen nach Athen?“
„Nein, auch das nicht. Ich wollte nur dem Leser noch einmal in Erinnerung rufen, dass meine Frau und unsere Tochter an diesem Abenteuer mitsamt seinen Handlungskapriolen nicht teilnehmen. Übrigens, wie bist du eigentlich hier hingekommen? Hast du ein Auto?“, will ich wissen.
Der Leser merkt: Wir wechseln ins Präsenz, da wir nun die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse dieser Novelle allesamt abgearbeitet haben und nun Zacharias und ich im historischen Präsenz durch unser atemberaubendes und handlungsreiches Abenteuer begleiten können.
„Nun, Seppo, das wird dich überraschen. Ich bin nicht allein. Ich habe seit einigen Monaten Kontakt zu jemanden, den du sehr gut kennst“, erklärt mir Zacharias.
„Ich kenne insgesamt sehr wenige Menschen, und noch weniger sehr gut. Du meinst entweder meine Frau, meine Tochter oder Sabrina USA.“
„Seppo, ich spreche von ihm! Dem honorigen!“
„Nein!“, ich erblasse, „doch nicht etwa vom Baron von Münster?“
„Richtig. Der honorige Baron von Münster, der als der große Gönner eurer Stadt gilt, hat ein ganz eigenes Interesse am Sturz des rutztekostanischen Regimes und Tod von Grobostan Groczlow.“
„Dem Präsidenten.“
„Unterbrich mich nicht.“
„Ich wollte es dem Leser einfacher machen. Ich nahm an, er erinnert sich nicht an Grobostan Groczlow.“
„Ich mein ja nur. Wir haben einen gewissen Zeitdruck.“
„Ja, aber was hilft es, wenn wir den Leser abhängen und verlieren?!“
„Bitte schön, bitte, dann lehne ich mich nun zurück, rufe den honorigen Baron von Münster an und bedinge uns noch etwas Zeit aus. Vielleicht sollte ich die rutztekostanischen Häscher darum bitten, kurz innezuhalten, bevor sie uns ergreifen?!“
„Gut, dass du das erwähnst, damit der Leser sich auch das noch einmal in Erinnerung ruft: Man ist hinter uns her.“
Zacharias‘ Handy klingelt. Er geht ran. Zunächst lauscht er nur. Dann:
„Alles klar. An mir soll es nicht liegen. Ihr habt’s ja mitbekommen. Ich habe wirklich alles getan, um das hier voranzutreiben. … Gut … Okay. Ich sag’s ihm. Auf Wiederhören. … Seppo, das waren die Hohen Vertreter des Handlungskomitees. Das war nun die erste mündliche Verwarnung, die nächste käme schriftlich, danach würde die Geschichte abgebrochen werden. Wir sind bei 650 Wörtern und haben uns noch keinen Meter Richtung Labo bewegt.“
„Gut. Das sehe ich ein. Dann machen wir Tempo. Es klingelt an der Wohnungstür.“
„Ich höre nichts“, sagt Zacharias.
„Ich will nur Tempo machen. Es klingelt an der Tür und ich öffne.“
Ich öffne also die Tür und dort steht der honorige Baron von Münster, wie immer recht wortkarg, was dieser Geschichte guttut: „Es ist soweit. Folgen Sie mir.“
„Wir folgen Ihnen und sitzen nun in einem Kleinbus“, sage ich, um das Tempo weiter zu halten.
Zacharias‘ Handy klingelt. Er geht dran: „Ja? Ja, okay. Sehe ich ein. Ich fand’s auch nicht so doll. Gut, danke für die Hilfe. Auf Wiederhören.“
Seppo fragt: „Wer war das? Moooment, was heißt denn hier ‚Seppo fragt‘? Ich bin doch das Lyrische Ich und Erzähler?!“
Zacharias: „Nein, jetzt nicht mehr. Das Handlungskomitee hat einen Erzähler entsandt, der die Handlung vorantreiben wird.“
Seppo ist bass erstaunt.
„Ja, das bin ich wirklich“, sagt er.
„Dem Handlungskomitee hat nicht gefallen, wie du nicht nur Erzähler bist, sondern auch noch in deiner wörtlichen Rede die Handlung erzählst. Das sei für den Leser nicht mehr nachvollziehbar.“
Seppo verdreht die Augen: „Bitte sehr, bitte sehr, dann lasst mal hören, wie es jetzt nach Laboe geht.“
Seppo, Zacharias und der honorige Baron von Münster wachen auf, als der Motor des Kleinbusses stoppt. Als sie aus dem Fenster blicken, sehen sie das Museums-U-Boot, das U 995, das im Titel dieser Geschichte „die“ U 995 ist. Das ist mitnichten ein Fehler, sondern eine Referenz …
Seppo unterbricht: „Ja, also diese Randinformation soll die Handlung jetzt vorantreiben?“
„Immerhin sind wir endlich am U-Boot“, sagt Zacharias.
Die Eintrittskarten sind flugs gekauft, acht Euro nur pro Person, und nimmt man das Kombiticket für das Ehrenmal, zahlte man 14 Euro.
„Schnapper“, sagt Zacharias.
„Ja, schleim du dich ruhig beim Erzähler ein. So, wie geht es weiter?“
Unsere drei Helden folgen dem honorigen Baron in das U-Boot.
„Stopp!“, ruft Seppo, „Wir sind insgesamt zu dritt. Es muss also heißen, die zwei Helden folgen dem honorigen Baron!“
„Seppo“, sagt Zacharias, „Du bist immer so kleinlich. Das Komitee hat uns einen Pflichterzähler geschickt. Das ist sowas wie ein Pflichtverteidiger vor Gericht“, und flüstert weiter, „also nicht unbedingt die Crème de la Crème der Erzählkunst.“
Gut, also die zwei Helden folgen dem dritten des Trios und Seppo will wissen: „Entschuldigen Sie, Herr Baron, aber sind Sie jetzt nur mitgekommen, damit wir Ihren Kleinbus nutzen können? Und nur nebenbei: War es nicht etwas fahrlässig, dass auch Sie während der Fahrt geschlafen haben?“
Der wortkarge und honorige Baron von Münster seufzt und setzt angestrengt an: „Mein lieber Herr Flotho. Es ist mir eher ein Rätsel, warum Sie mitkommen.“
Zacharias Handy klingelt. Er geht dran: „Hallo? … Ja … Okay. Wie läuft das ab? … Einfach so? … Das gilt jetzt? Unverzüglich?“
Der honorige Baron fragt: „Das Komitee?“
„Richtig“, antwortet Zacharias, „Es hat mit sofortiger Wirkung Seppo aus der Geschichte entfernt. Ihre Bemerkung vorhin hat es wohl nachdenklich gemacht.“
„Das ist schlecht. Das war nicht meine Absicht. Ich empfand ihn lediglich als etwas enervierend. Eigentlich ist er aber der Schlüssel für unseren Plan.“
„Ach, ist er das?“, fragt Zacharias.
„Ja, er ist die Waffe. Meine Leute haben Herrn Flotho vor einigen Wochen mit einem tödlichen Virus infiziert. Unser Plan war, dass sich Grobostan Groczlow bei ihm ansteckt und stirbt. Herrn Flotho selbst haben wir gleichzeitig geimpft.“
„Klingt logisch. Haben Sie auch alle anderen geimpft? Mich zum Beispiel? Seppo und ich sind uns nämlich heute Morgen sehr nahegekommen, wenn Sie verstehen.“
„Wir haben keine Zeit für diese Details. Unser Plan erfährt eine Änderung. Wir fahren nicht nach Sapristi, sondern machen einen Zwischenstopp in den Untiefen der universellen Erzählstruktur. Dort befindet sich der ewige Kerker der geschassten Protagonisten. Wir müssen Herrn Flotho befreien und zurück in diese Geschichte holen! Es nähme überdies kaum Wunder, wenn die hohen Vertreter des Erzählkomitees mit den Rutzteken unter einer Decke steckten! Und das gilt dann auch für den Pflichterzähler dieser Geschichte. Wir müssen ihn loswerden, denn er weiß alles, was wir wissen! Was wir wissen – und was wir vorhaben!“
„Das klingt nach einem Abenteuer, Herr Baron von Münster, das seinesgleichen sucht! So etwas hat es in der Literaturgeschichte noch nicht gegeben! Ach, wenn Seppo es doch nur erleben könnte!“


Dieser Text ist Teil der Vollständigen Edition. Weitere Texte von Seppo auf www.seppo.blog.
