Fotofachgeschäft, Prinzipalmarkt

Sie fährt ihm durchs Haar, wirft es dabei von links hinten nach rechts vorne. Tritt einen Schritt zurück, begutachtet ihr Werk und nickt diesem wohlwollend und selbstzufrieden zu: „Ja, so geht es. Mehr war einfach nicht drin, Tretmut. Und lächeln, das musste schon selbst.“ Grobfriede weiß schließlich sehr gut, wie man lächelt, belächelt sie ihren Mann Tretmut doch regelmäßig.

Geduldig wie Tretmut wartet auch der Fotograf auf seinen Einsatz. Szenen wie diese ist der gewohnt. Er steht so da und weiß, dass er auch das So-da-stehen in Rechnung stellen wird: „Sie bezahlen nicht pro Foto, sie bezahlen pro Stunde“, informiert er geschäftsmäßig.

„Tretmut, wir zahlen pro Stunde, hörst du? Du musst dich zusammenreißen und beeilen“, sagt Grobfriede und wischt ihm nun das Haar von rechts vorn nach links hinten. Tretmut nimmt es gelassen hin. Gelassen – oder resigniert.

„Wir brauchen ja nur ein gutes Foto von dir“, sagt sie zu Tretmut und zum Fotografen gewandt: „Für den Männergesangsverein. Mein Mann übernimmt den Vorsitz. Mit 70! Da hat er 40 Jahre gesungen und musste doch erst 70 werden, um den Vorsitz zu übernehmen.“

Sie wischt ihm etwas von der Schulter, auf der nichts ist. Sie wischt in die Leere hinein.

„Vor 30 Jahren, ja, da war das noch eine Position in Münster! Aber jetzt? Jetzt kümmert es doch niemanden mehr. Können Sie ihn irgendwie jünger machen?“

„Das kostet dann aber extra“, sagt der Fotograf, „dann kriegen Sie die Fotos auch nicht sofort.“

„Wir brauchen ja nur ein Foto.“

„Bislang habe ich noch nicht einmal auf den Auslöser drücken können. Oder wollen Sie mit aufs Bild?“

„Ich habe schon verstanden! Aber er soll ja gut aussehen. Von alleine sieht er ja nicht gut aus. Da braucht es schon die Frau vom Vorsitzenden.“

Aegidiikirchplatz

Die zwei Architekten betrachten das Gebäude aus den 1960-Jahren. Die 60er waren bewegend, sie waren Umbruch und sie waren ein geistiges und intellektuelles Aufräumen lohnenden Ausmaßes selbst für Münsteraner Verhältnisse. Das Gebäude, das die beiden Baumeister betrachten und dabei mit ihren Blicken niederreißen, spiegelt nichts dergleichen wider.

Eine Taube lässt sich auf dem Dach eines Giebels des Hauses nieder. Ihr Blick schweift über den nach den Zerstörungen des jüngsten Weltenbrandes nur mäßig erschlossenen Platz, der mehr Parkplatz als Platz ist. Sie sieht nicht die imaginären Abrissbagger, über die die beiden Architekten sinnieren. Die Platz machen auf dem Platz für das Rote Haus.

Restaurant A2, Aasee

„Hier leben rund 1.800 Lachmöwen“, erzählt der Zoologe Dr. Schworbratz seinen interessierten Zuhörern, „Man mag das gar nicht glauben, ist die Innenstadt doch eher von Tauben geplagt, sind es hier Möwen.“

„Und Wildgänse!“, ruft ein älterer Herr aus der Gruppe, „Vergessen Sie die Wildgänse nicht!“

„Sie lassen mich ja nicht ausreden“, gibt er zurück und fährt unbeirrt fort: „Doch Möwen sind hier nicht das Problem, es sind die Wildgänse, zuvorderst die Nilgans. Sie breitet sich vor allem in den der Stadt vorgelagerten Rieselfeldern aus.“

„Schießen!“, ruft der ältere Herr, „Da hilft nur Schießen. Anlegen, zielen, sauberer Schuss in den Kopf der Gans: Problem gelöst.“

Dr. Schworbratz kann nur schwer an sich halten: „Hier wird nicht geschossen. In Münster wird nicht angelegt, nicht gezielt und schon gar nicht sauber geschossen.“

„Dann beklagen Sie sich auch bitte nicht über die Wildgansschwemme!“

„ICH BEKLAAAAGE MICH NICHT!“, ruft nun nicht mehr an sich haltend Dr. Schworbratz.

Nun mischt sich eine Dame spätmittleren Alters ein. Auch sie gehört zu der Seniorengruppe, die die Naturpark-Führung rund um den Münsteraner Aasee gebucht hatte: „Vielleicht erfreuen wir uns nun in aller Stille des Ausblicks auf den See und genießen das köstliche Essen.“

Der ältere Herr dazu: „Essen? Welches Essen? Es kommt ja nicht. Und es dürfte Sie interessieren: Ich habe Wildgans bestellt! Wo bleibt meine Wildgans! Vielleicht kommt sie nicht, weil sie ja hier niemand schießen will! Serviert man mir sie gar lebendig? Muss ich ihr selbst den Hals umdrehen?!“

„SIE VERLASSEN JETZT AUGENBLICKLICH DIESE VERANSTALTUNG!“, ruft Dr. Schworbratz, „Oder ich bin es, der geht!“

Die Gruppe murmelt zunächst, gerät dann ins Diskutieren. Ein Herr meldet sich nun zu Wort: „Wenn Sie gingen, würden wir dann für die Kosten des Essens aufkommen müssen? Und würden wir zumindest einen Teil der Gesamtkosten erstattet bekommen?“

„Eine sehr gute Frage“, sagt Dr. Schworbratz nachdenklich, „Also die Tretbootfahrt auf dem See würde nicht stattfinden, die würde ich Ihnen natürlich erstatten.“

Eingangshalle Hauptbahnhof

An den Eingangstüren lehnen mehrere Menschen. Teils alleine, teils in Gruppen. Manche rauchen; die einen gemächlich, andere hektisch. Wieder andere blicken auf ihr Handy, scrollen und tippen. Dunkle Wolken schieben sich vor die Sonne, wodurch die Wolken noch dunkler werden.

„Das ist mein letzter Urlaubstag, morgen muss ich wieder ins Büro“, erzählt ein Mann im Mantel der Frau, die neben ihm steht.

„Mein letzter Urlaubstag ist immer schon zwei Tage vor dem ersten Arbeitstag“, erwidert sie.

„Warum?“

„Ein Tag vor dem ersten Arbeitstag ist für mich kein Urlaubstag mehr. Ein Urlaubstag ist immer nur dann, wenn der Folgetag auch Urlaubstag ist“, erklärt sie.

Der Mann schweigt. Er denkt nach. Dann: „Dann wäre heute bei mir kein Urlaubstag, weil ich morgen arbeiten muss, richtig?“

„Genau.“

„Dann wäre gestern mein letzter Urlaubstag gewesen?“

„Ja!“

„Aber wenn heute schon kein Urlaubstag mehr ist, weil ich morgen arbeiten muss, dann wäre ja gestern auch kein Urlaubstag mehr. Und wenn gestern auch keiner mehr gewesen wäre, wäre vorgestern auch kein Urlaubstag mehr gewesen. Nach deiner Definition wäre nicht ein Tag meiner drei Urlaubswochen ein Urlaubstag gewesen!“

Die Frau denkt nach. Sie versteht den Mann nicht, ahnt aber, dass er Recht hat.

Dann setzt der Regen ein. „Kein Urlaubswetter“, sagt sie. Beide gehen in die Eingangshalle des Bahnhofes.

Café, Stubengasse

Ein Mann sitzt an einem Tisch, an dem vier Personen Platz fünden. Er trinkt einen Milchkaffee. In der Getränkekarte las er „Milchcafé“. Das lässt ihn nicht los. Zunächst hat er sich dazu nicht geäußert. Als die Kellnerin bei ihm vorbeisieht,

„Ist alles in Ordnung bei dir?“

sagt er: „Ja, bei mir ist alles in Ordnung. Aber vielleicht kann ich Sie mal fragen, ob Ihnen bekannt ist, dass es nicht ‚Milchcafé‘ heißt, da es ja kein Café aus oder mit Milch ist.“

„Wolltest du keinen Milchkaffee?“, fragt sie irritiert.

„Doch, doch, alles bestens, was das angeht. Mir ging es nur um die Frage, ob-„

Derr Gast wird unterbrochen. Am Nebentisch sitzt eine ältere Dame, die nichts Gutes verheißende Laute von sich gibt. Hektisch winkt sie der Kellnerin zu und deutet mit der anderen Hand auf ihren Hals.

„Augenblick“, sagt diese und dann zum Gast gewandt: „Wir haben noch Cappuccino oder Americano.“

„Das mag ja sein und spricht für Ihre Vielfalt. Mir ging es lediglich um die Schreibweise. In Ihrer Getränkekarte.“

„Soll ich dir die Karte noch einmal bringen? Möchtest du etwas essen?“

Die Dame am Nebentisch verstummt und kippt mit ihrem Stuhl nach hinten. Sie bleibt regungsloslos liegen.

„Auch das noch“, sagt die Kellnerin.

Zentralfriedhof, Himmelreichallee

Seppo und seine Frau flanieren über den Zentralfriedhof. Seppo interessiert sich für das Grab des letzten Reichskanzlers, bevor Adolf Hitler es geworden war. Heinrich Brüning ist gebürtiger Münsteraner, starb in den USA, kam aber als Leichnam zurück in die Heimat, wo er nun seit 1970 reglos liegt.

„Wir suchen den Friedhof jetzt systematisch ab. Grab für Grab“, erklärt Seppo das Vorgehen. Und als dem Ehepaar eine ältere Dame entgegenkommt, ergänzt er: „Ab zurück ins Grab!“

„Ob wir mal hier liegen werden?“, fragt Seppos Frau.

„Jetzt hier? Also unmittelbar hier?“

„Hier auf dem Friedhof. Nicht direkt hier.“

„Nicht hier auf dem Friedhof? Aber doch auf diesem Friedhof?!“

„Nein. Hier auf dem Friedhof, aber nicht direkt hier! Herr Gott, es ist doch auch egal.“

Sie gehen an einem Pärchen vorbei. Er scheint sehr alt zu sein, sie deutlich jünger.

„Nichts anfassen, nichts einfach so mitnehmen!“, sagt Seppo zu der Frau.

Nach etwa 20 Minuten finden sie endlich das Grab des verstorbenen Reichskanzlers.

„Aha. Da liegt er also. Wenn man nur so liegt, kann man wenig ausrichten. Das kann gut sein, das kann aber auch schlecht sein“, sagt Seppo.

Seine Frau beobachtet derweil einen jungen Mann auf einer Bank unweit des Grabes. Der Mann klappt sein Buch zu, entdeckt die Blicke Seppos Frau und sagt: „Das Buch ist zuende, aber es ist nicht vollendet. Es fehlt der Schluss. Er fehlt komplett. Das muss ein Fehler sein.“

„Wie heißt das Buch denn?“, fragt Seppos Frau.

„‚Schussfahrt nach Rutztekostan‘.“

Seppo wird hellhörig: „Ja, mein Fehler. Ich mache mich bald ans Werk!“

Dieser Text ist Teil der Vollständigen Edition. Weitere Texte von Seppo auf www.seppo.blog.