Unsere Reise im U-Boot verlief nahezu beschaulich, derart friedvoll geradezu, dass meine Frau es fast schon als ihren Urlaub betrachtete – bis urplötzlich aus dem Nichts unerwartet, ja, sogar nahezu erwartungswidrig das U-Boot zu ruckeln begann, seine Stahlhülle ohrenbetäubend laut aufknarzte, ja, zu bersten drohte, uns zu zerquetschen. Und dann wieder … Stille.

„Entschuldigung!“, ruft der honorige Baron von Münster, „Das war zwar etwas unsauber, aber wir sind auf Land gestoßen. Fahren kann ich, nur das Einparken kam beim Üben zu kurz. Ich bitte, die Unannehmlichkeiten zu vergessen – und heiße uns willkommen auf Sapristi!“

Wir haben unser Ziel erreicht, die Hauptinsel Rutztekostans. Hier gilt es nun, Präsidenten Grobostan Groczlow zu finden und mit dem tödlichen Virus zu infizieren, das ich in mir trage. Und während wir uns nach der harten Landung wieder berappelt haben, wie man so sagt, öffnet sich die Luke des U-Bootes. Aber nicht von innen – sondern von außen.

Wir erstarren vor Angst. Sind wir aufgeflogen, bevor wir überhaupt loslegen konnten? Doch als ich sehe, wer da in den Einstiegsschacht blickt, überkommt mich eine überwältigende Mischung aus Überraschung und Erleichterung:

„Laraaaaaaa!“, rufe ich und Ihnen, lieber Leser, darf ich mitteilen, dass es sich in der Tat um jene Lara handelt, die mein Figurenuniversum schon von Beginn an bereichert hat. Sie war es, die zahlreichen Lesern ihren Kopf verdreht hat, und ja, vielleicht auch mir selbst. Und dass ausgerechnet sie uns auf Sapristi begrüßt, ist keine Selbstverständlichkeit, ist sie doch schon mehrfach gestorben, zuletzt vor einem Jahr, als sie sich für uns opfern wollte, leider, bevor sie sich für uns opfern wollte, versehentlich niedergeschossen von meiner damals einjährigen Tochter.

„Laraaaaa! Wie ist es möglich, dass du hier bist? Bist du gekommen, um uns zu retten?!“

„Seppo, wie es möglich ist?! Trotz deiner zahlreichen literarischen Morde an mich?! Kannst du dir die Antwort nicht denken?!“, sagt sie.

Und ich sage: „Nein, ich bin sehr einfältig in diesen Dingen.“

„Seppo“, sagt nun meine Frau, „sie ist nicht hier, um uns zu retten.“

„Nicht? Aber sie ist doch immer sehr nett? Sie ist doch eine der nettesten Personen in meinen Geschichten!“

„Seppo, Seppo“, nun Zacharias, „Die Verhältnisse, sie sind nicht mehr so.“

„Ich verstehe nicht“, sage ich.

„Nun, Herr Flotho, nehmen wir uns die Zeit angesichts des nun sicheren Todes, Ihnen darzulegen, dass es nur eine Macht geben kann, die tote Figuren auferstehen lassen kann: die  Hohen Vertreter des Handlungskomitees. Ihr blondes Busenwunder Lara macht mit ihnen gemeinsame Sache“, erklärt mir geduldig der honorige Baron von Münster.

Und mir wird klar, dass es die Hohen Vertreter waren, die Lara herbeierzählt haben, um uns zu töten. Es war naiv von uns anzunehmen, wir könnten am Handlungskomitee vorbeierzählen. Und auch Zacharias ahnt: „Sie haben uns in Sicherheit handeln lassen, damit wir vergessen, dass auch wir den universellen Erzählstrukturen unterliegen. Das Literarische Universum sieht gar nicht vor, dass wir auch nur den Hauch einer Chance haben. Unser baldiger Tod war von Beginn an vorgesehenes Ende der Geschichte!“

„Hör auf zu jammern!“, unterbricht meine Tochter.

Und im selben Moment wird mir klar, was es bedeutet, wenn die eigene Tochter, keine zwei Jahre alt, aus dem Nichts heraus flüssig sprechen kann. Ich blicke beschwörend zu meiner Frau, der nun dasselbe Licht aufgeht. Es besteht Hoffnung!

Doch im gleichen Moment richtet Lara genau das Maschinengewehr auf uns, mit dem unsere Tochter sie im vergangenem und ihrem, Laras, letzten Sommer erschossen hat: „Die Geschichte endet hier“, sagt Lara.

„Nein“, sage ich, „Das tut sie nicht, Lara. Denn du magst das Handlungskomitee hinter dir haben, das Komitee mit seinen Hohen Vertretern, doch einen hast du gegen dich!“

„Wen?“, fragt Zacharias.

„Ja, wen?“, fragt Lara, „Wer die universelle Erzählstruktur samt Handlungskomitee hinter sich hat, kann nicht gebremst werden!“

„Falsch, Lara, ganz falsch. Du hast wohl die Lexikologie geschwänzt!“

„Gott, komm zum Punkt“, sagt meine Frau.

„Lara mag das literarische Universum an ihrer Seite haben, aber das genügt nicht. Denn wir, liebe Freunde, wir haben ihn an der Seite: den Epiker!“

Lara lacht laut auf: „Wer soll das sein?“

„Dir wird das Lachen vergehen. Übrigens, das muss ich kurz für die anderen mal einstreuen, darauf brachte mich der Epiker selbst: Ist euch mal aufgefallen, dass früher du, Zacharias, mein böser Klon warst, der mir immer nach dem Leben trachtete, und nun ausgerechnet Lara, die eigentlich immer hinter mir her war, also in amouröser Mission, mich umbringen will, während ich mit dir, Zacharias, Seite an Seite Abenteuer überlebe?“

Zacharias darauf: „Seppo, das mag sein, aber komm zum Punkt, Lara könnte uns jederzeit erschießen. Ist doch so, Lara, oder?“

„Nuuuun …“, stammelt sie, „Ja … nein … Ich weiß nicht, warum ich es nicht tue!“

„Wegen des Epikers. Dem omniversellen Erzähler. Merkt ihr es denn nicht? Er erzählt einfach nicht, dass Lara uns umbringt. Er hat das Zepter in der Hand, das Zepter der Narration. Wir sind alle nur seine Marionetten. Wenn er nicht will, dass Lara den Sieg davonträgt, dann wird sie das auch nicht!“

Ich wende mich zum honorigen Baron von Münster: „Honoriger Baron von Münster, wenn Sie aus dem Stethoskop spähen, was sehen Sie?“

„Stethoskop?!“, sagt der honorige Baron von Münster.

„Periskop, er meint Persikop“, sagt Zacharias.

„Rrrichtig, das meine ich. Was sehen Sie?“

„Oh! Am Ufer stehen mehrere rutztekostanische Soldaten!“, berichtet der honorige Baron von Münster.

„Ganz genau. Und sie tun nichts. Sie sehen einfach nur zu. Und ist euch nie aufgefallen, dass uns die Häscher des Regimes zwar schon in Münster auf den Fersen waren, uns aber nie zu nahe gekommen sind?“

„Ja, du hast Recht. Wie ist das alles möglich?“, fragt Zacharias.

„Nun, weil der Epiker es entweder nicht wollte – oder weil er sie vergessen hatte. Es ist der Epiker, der über dem universellen Handlungskomitee steht.“

„Dieses Zepter der Narration, von dem Sie sprachen, was ist das genau? Was bedeutet es?“, fragt der honorige Baron von Münster.

„Dass er, und nur er, der Erzähler dieses epischen Werkes ist, in dem wir uns alle befinden. Er ist es, der dies alles erzählt. Und auch er ist es, der sich in dieser Geschichte zu erkennen gegeben hat: um uns zu retten.“

Was ich nun als Lyrisches Ich und als handelnde Person nicht sehe, weiß ich nur, weil ich der Epiker bin: Meine Tochter nutzt die langen Erklärungen ihres Vaters, also meine langen Erklärungen, da ich Seppo, Epiker und Lyrisches Ich in einem bin, um sich mit den Schaltkreisen des U-Bootes vertraut zu machen. Während ich in der Geschichte dieses sagte:

„Nein, das tut sie nicht, Lara. Denn du magst das Handlungskomitee hinter dir haben, das Komitee mit seinen Hohen Vertretern, doch einen hast du gegen dich!“

… öffnete meine Tochter einen Kabelschacht und fand das Kabel, das zum Schaltkreis der Einstiegsschachtluke führt. Dieses Kabel trennt sie nun durch, während ich sage:

„Dass er, und nur er, der Erzähler dieses epischen Werkes ist, in dem wir uns alle befinden. Er ist es, der dies alles erzählt. Und auch er ist es, der sich in dieser Geschichte zu erkennen gegeben hat: um uns zu retten.“

Plötzlich kracht also die Luke auf Lara herab. Diese fällt die Leiter herunter, leicht benommen, und lässt das Maschinengewehr dabei fallen. Meine Tochter schnappt sich genau dieses, richtet es auf Lara und durchlöchert sie mit mehreren tausend Salven. Und als Epiker weiß ich, dass der Begriff „Salven“ hier falsch benutzt wird, doch der Leser weiß, was er wissen muss: Laras Leben wurde ein Ende gesetzt.

Die rutztekostanischen Soldaten am Ufer realisieren, dass sie keine Chance haben, strecken die Waffen und sinken auf ihre Knie, blicken gen Himmel und huldigem dem Epiker, jener göttlichen und erzählerischen Kraft, die sie zu entwaffnen vermochte.

Es dauert nur wenige Stunden, bis sich die Nachricht der Kapitulation des rutztekostanischen Militärs durch das ganze Land verbreitet. Das geschundene Volk Rutztekostans erobert jubelnd die Straßen und Plätze des Landes, stürmt die Regierungsgebäude und übernimmt das Sagen. Rutztekostan ist befreit!

Doch Grobostan Groczlow gelingt die Flucht ins Ungewisse: der Präsident, der keiner mehr ist, ist nicht tot, sondern entkommen.

Die Hohen Vertreter des Handlungskomitees werden vom Epiker suspendiert, der Hohe Rat neu besetzt mit freien Geistern, die wir angesichts der kommenden nationalsozialistischen, ultrarechten Regierung in Deutschland bitter benötigen werden.

„Wir brauchen eine neue Erzählung“, sagt der Epiker, sage also ich und mein handelndes Ich fragt: „Alles schön und gut, aber für das Ende hätte man mich ja nicht mit einem tödlichen Virus infizieren müssen!“

Und der Epiker sagt: „Wurdest du das denn?“

Wir alle blicken uns an, überlegen und verstehen dann. Wir lachen herzhaft und erleichtert ob des Ausgangs unseres Abenteuers und liegen uns lachend in den Armen.

Zufrieden blickt der Epiker auf die Szene, die er selbst erzählt hat. Und zieht sich wieder zurück.

Dies war sie, die Schussfahrt nach Rutztekostan 2026. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Dieser Text ist Teil der Vollständigen Edition. Weitere Texte von Seppo auf www.seppo.blog.