Bufried steht über weite Strecken seines Daseins rum. Und würde dieser Text sein Text sein, würde darin nicht stehen, dass er so rumstehe, sondern korrekt würde es in ihm lauten: „Bufried steht über weite Strecken seines Daseins herum.“ Das würde da so stehen, denn Bufried hält sich … nein, anders, wir müssen vorne anfangen … denn Bufried ist ein: Buch. Nicht irgendein Buch, sondern ein Buch mit einer guten Geschichte, das einen gewissen Wert auf gute Formulierungen legt.

Dass manche Dinge das Gros ihres Daseins nur herumstehen, ist nichts Besonderes. Ampeln beispielsweise – Bufried würde von Lichtsignalanlagen sprechen -, Ampeln stehen auch nur so herum. Wie Bücher. Doch einen Unterschied, den gibt es.

„Lichtsignalanlagen erfüllen über einen langen Zeitraum ihren Zweck, während sie stehen. Das Herumstehen ist, sofern es keine mobile Signalanlage ist, Teil ihrer Aufgabe. Womöglich sogar ihre Bedingung“, erklärt uns Bufried. Bufried hingegen erfüllt, so glaubt er, seine Aufgabe immer nur dann, wenn er nicht herumsteht – und damit äußerst selten. Das findet Bufried ausgesprochen misslich. Darüber denkt er viel nach, wenn er wieder herumsteht.

Das erste Mal stand Bufried in einem großen Regal herum, das wiederum herumstand, zusammen mit vielen anderen Regalen, in denen ebenfalls viele Bücher herumstanden.

„Das ist schon erstaunlich“, sagt Bufried, „da ist so viel Leben in uns, in all den Büchern, so viel Bewegung – und doch steht alles herum.“

Massenbuchhaltung. Regalweise. Bücher über Bücher, und auch inhaltlich: Bücher über Bücher! Auf engstem Raum Geschichten aus unterschiedlichsten Universen. Bufried hörte von einem Kochbuch, das direkt neben einem großen Reiseführer herumstand. Und der wiederum stand nicht weit herum von einem Buch, das von einem kleinen Prinzen zu erzählen wusste. Der kleine Prinz seinerseits stand herum neben einem Buch, in dem ein Graf oder ähnlicher in einem Sarg von Rumänien nach London gereist ist. In einem Schiff und das sehr zu Ungunsten seiner Besatzung. Und da, wo das Buch herumstand, war schon wieder das Kochbuch ganz nah. Eine kleine Weltreise in einem so beengten Raum. Das können nur Bücher, denkt Bufried.

Irgendwann, ganz plötzlich, wurde Bufried Buch aus dem Regal genommen. Und zum ersten Mal aufgeschlagen. Seine Seiten waren geblendet von dem Licht, das sie erstmals sahen. Ihre Buchstaben starrten schwarz auf Weiß in zwei Augen, die sich von rechts nach links bewegten, dann rasch zurück nach rechts, und wieder etwas langsamer nach links. Zeile für Zeile. Dann, ganz plötzlich, wurden seine Seiten zugeschlagen, neue wieder aufgeschlagen und dann … was ist das?! … eine Nase bewegte sich ganz nahe an Bufrieds Papier. Und atmete tief ein. Die Augen oberhalb der Nase schlossen sich. Dann atmete die Nase wieder aus.

Wieder wurde Bufried zusammengespresst … und ein anderes Kapitel aufgeschlagen. Was ist das?!

„Etwas kleines, schwarzes flog auf meine Seite 148 zu. Und setzte sich dort auf eine Konjunktion. Dann wurde ich zugeschlagen. Noch heute habe ich auf Seite 148 einen schwarzen Flecken. Ein Biologiebuch erzählte mir einmal, dass der schwarze Fleck mal eine Fruchtfliege gewesen sei. Ich habe seitdem ein Haustier.“

Und dann stand Bufried wieder herum. Lange. Dabei hatte er so vieles zu erzählen.

„Es ist zwar nur eine Geschichte, aber eine für Kinder“, sagt er.

Papier ist geduldig, heißt es unter Büchern. Bufried wusste das, er glaubte daran, musste daran glauben. Denn es hatte sich schon herumgesprochen. Dass er kein Bestseller sei.

„Du müsstest auf einer Liste stehen!“, hat ihm einmal eine Biographie gesagt. Die stand auf einer Liste und so war es nur eine flüchtige Bekanntschaft; Bufried stand weiter herum.

Bis eines Tages er wieder aus dem Regal genommen wurde. Aber nicht aufgeschlagen. Nein, er zog offenbar um. Jemand klebte ihm einen roten Aufkleber auf seinen Einband. Dann wurde er in einen großen Behälter gelegt, in dem andere Bücher mit rotenAufkleber lagen. Wild durcheinander.

„Ist das ein Massengrab?!“, fragte Bufried erschrocken das Buch unter ihm. Doch das antwortete ihm nicht.

„Der redet nicht!“, sagte plötzlich das Buch neben ihm, „Der ist in Brailleschrift geschrieben.“

„Warum liegen wir hier alle herum?“, fragte Bufried.

„Wir sind Sonderposten! Hier landen die schwerverkäuflichen.“

„Was haben sie uns auf unsere Buchdeckel geklebt?“

„Schwerverkäuflichenausweise. Du hast, lass mich mal sehen, Du hast 3,95.“

„Ist das gut?“, wollte Bufried wissen.

„Ja, du bist schneller weg, als man deinen Klappentext lesen kann!“

„Wo ist dein Klappentext?“

„Brauche ich nicht. Ich bin ein Notizbuch. Ich komme dumm zur Welt und werde erst nach und nach schlau.“

Bufried wollte ihm noch sagen, dass er ihn durchaus für jetzt schon sehr schlau halte, da wurde er plötzlich gegriffen und aufgeschlagen. Jemand blätterte ganz wild in ihm herum, riss fast Seite 67 heraus. Und rief: „Das will ich haben!“

„Das war endlich mein neuer Leser“, berichtet Bufried, „ein Kind hatte mich endlich gefunden! Es nahm mich mit nach Hause. Ich kam dort zunächst gar nicht in ein Regal, sondern lag an den verschiedensten Orten herum. Auf dem Boden. Auf einem Bett. Dann plötzlich unter einem Schrank. Da lag ich allerdings sehr lange herum. Ich glaube, ich war verschollen. Bis ein Staubbsauger mich fand.“

Bufried wurde sehr häufig aufgeschlagen. Das sei nicht immer schön gewesen.

„Das Kind war noch nicht mit der 180-Grad-Regel vertraut“, sagt Bufried.

Und setzt hinzu: „Die besagt, dass man ein Buch nur bis einem Winkel von 180 Grad aufklappt. Sonst bricht schnell der Einband. Ich wurde mehrfach bis zu 360 Grad aufgeschlagen, bekam erste Risse. Später verlor ich Seiten. Andere Seiten wurden nass. Oder angebissen. Mein Haustier und Seite 148 blieben bis heute unbehelligt.“

Das Kind hat Bufried sehr häufig gelesen. Es hat auch oft gegessen dabei. Bufried weiß immer sehr genau, was es gegessen hatte.

„Als es Seite 254 las, hatte es Banane gegessen. Die klebt jetzt zwischen Seite 254 und 255. Die beiden Seiten haben Schwierigkeiten, sich voneinander zu trennen. Daher werden sie kaum noch gelesen. Das Kind liest direkt auf Seite 256 weiter, wo die Brotkrumen ihm als Lesezeichen dienen. Glaube ich.“

Das Kind liest jedoch nicht ausschließlich in Bufried, es ergänzt inzwischen.

„Meist mit Wachsmalkreide. Teile meiner Geschichte sind unkenntlich geworden. Im Gegenzug hat das Kind sie nun illustriert. Früher im Regal sagten die Bilderbücher zu mir, Bücher ohne Bilder würden kaum mitgenommen. Jetzt hatte ich Bilder.“

Schlimm wurde es einmal, als das Kind sich den Magen verdorben hatte.

„Es lag krank im Bett und las mich gerade, als ihm schlecht wurde. Es übergab sich auf Seite 328, wovon auch Seite 329 ein Lied von singen kann. Ich wurde nach dem Vorfall, der mein Dasein verändert hat, unter einen Wasserstrahl gehalten, wonach ich auf einem Heizkörper herumlag. Mein Eindruck war, dass sofort der ganze Raum unangehm roch.“

Bufried wurde danach nur noch sehr selten gelesen.

„Eigentlich gar nicht mehr“, sagt er.

Bufried ist ausgelesen. Aber zufrieden. Er steht nun in einem Karton. Und der steht in einem Regal in einem Keller.

„Vielleicht werde ich irgendwann einmal wieder ausgesucht und neu gelesen. Ich hörte von einem Ort, einem besseren Ort, sie nennen ihn Altpapier. Ich weiß nicht, was das ist, aber es hört sich an wie ein schöner Ort für sehr alte Bücher“, sagt Bufried.


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