„Unsere Urlaubspläne erfahren eine kleine Änderung“, sagte ich gestern nach dem überraschenden Zusammentreffen mit meinem Klon Zacharias zu meiner Frau.
„Zwei kleine Änderungen“, korrigierte ich mich, „Zwei. Keine weltbewegenden, nur marginale Anpassungen gewissermaßen.“
Tatsächlich hatten meine Frau und ich vor, an jenem Dienstagmorgen in unseren ersten Urlaub mit Kind, also mit eigenem, aufzubrechen. Die Koffer waren schon gepackt.
„Was ist passiert? Fahren wir später los?“, fragte sie nichts ahnend.
„Nein, sei unbesorgt, wir fahren wie geplant morgen früh ab. Du. Unsere Tochter. Ich. Wir alle. Plus Zacharias!“
Als sie den Namen Zacharias hörte, ließ sie starr vor Schreck unsere Tochter fallen: „Zacharias ist wieder da?!“
„JA, IRRE, ODER?!“, schreie ich, um unsere ebenfalls schreiende Tochter zu übertönen, „ICH HABE IHN GERADE GETROFFEN. WIR MÜSSEN GEMEINSAM VERHINDERN, DASS DEN RUSSEN DIE INTERPLANETARE HYPERSCHALLATOMWASSERSTOFFKERNFUSIONSSOLARWINDKRAFTRAKETE SF-3000 IN DIE HÄNDE FÄLLT. LANGE GESCHICHTE. KÖNNTESTE IM ERSTEN TEIL ALLES NACHLESEN!“
„Schlangen-Gerichte?!“
„LANGE GESCHICHTE, SAGTE ICH“, sagte ich.
Meine Tochter beruhigte sich und auch meine Frau schien diese erste Modifikation unserer Urlaubspläne verkraftet zu haben.
„Auf gar keinen Fall fahre ich mit Zacharias nach …“
„Nach Rutztekostan!“, ergänzte ich.
„NACH WO?!“, sie nun lauter, „Nach Rutztekostan? Wo heute Nacht die Russen eingefallen sind? Bist du irre? Rast machen wir zwischendurch in Ruanda? Oder am besten gleich in Sachsen?!“
„Ja, das ist die zweite Überraschung. Sie betrifft unseren Urlaubsort. Wir müssen nach Rutztekostan. Und übrigens, das hätte ich fast vergessen, haben sie unserer Tochter einen Chip mit den Bauplänen der interplanetaren Hyperschallatomwasserstoffkernfusionssolarwindkraftrakete SF-3000 eingepflanzt. Sie sind also hinter ihr her. Ich finde, das überschattet unsere Urlaubsmodifikation doch deutlich, oder?“
„Dann brechen wir sofort auf“, beschloss die beste Ehefrau von allen, „Wenn sie hinter ihr her sind, dürfen wir caine Cait verlieren!“
„Angenommen, sie wären hinter mir her, würden wir dann auch sofort aufbrechen?“
„Dann würden wir warten, bis sie dich hier abholen. Und jetzt komm, wir bepacken das Auto.“
„Aber wir müssen auf Zacharias warten. Nur er kann uns nach Rutztekostan bringen. Wir treffen ihn morgen früh am Kreisel.“
„Tut ihr das?“, sagte plötzlich eine Stimme. Erschrocken drehten meine Frau und ich uns um. Hinter unserem Wohnzimmervorhang trat eine Gestalt etwa meiner Statur hervor. Starr vor Schreck ließ meine Frau unsere Tochter fallen. Die Gestalt … sie ist …
„Zacharias!“, rief ich, „Teufelskerl!“
„Ich war nach Münster gezogen, um ein normales Leben zu führen. Mit einem normalen Spießer als Ehemann. Was zur Hölle ist bloß schiefgelaufen?!“
„Tja, ich bin auch überrascht. Ich versuche seit Jahrzehnten, ein Spießer zu sein, aber wie das so ist, plötzlich ist man Raketenforscher für ein kommunistisches Regime. Klassiker.“
Dienstag, 29.07.25, 11.00 Uhr
Seit rund siebzehn Stunden sitzen wir Auto, die deutsche Grenze schon lange hinter uns gelassen. In etwa einer Stunde werden wir die Küste der sapristischen See erreichen. Es ist einigermaßen eng, seit Zacharias darauf bestand, einen Anhalter mitzunehmen. Das sei die perfekte Tarnung, meinte er. Der Mann, der also nun auf der Rückbank zu meiner rechten sitzt, nennt sich Mike Grell. Er drückt mir permanent seinen Ellbogen in meine rechte Seite, während meine Tochter zu meiner Linken die Milch erbrochen hat, natürlich über meine Hose.
Zacharias sitzt vorne, er ist eingenickt. Auf dem Beifahrersitzt sitzt meine Frau, die seit siebzehn Stunden nicht mehr mit mir redet. Das ist nicht nuuuur schlecht, denke ich. Allerdings misshagt mir das Gesamtschweigen im Auto und so beschließe ich, mich von unserem Gast neben mir in ein Gespräch verwickeln zu lassen.
„Und, Mike Grell, was machen Sie so, wenn Sie nicht gerade trampen?“
„Ich bin russischer Soldat. Meine Einheit ist heute Nacht in der rutztekostanischen Hauptstadt eingefallen. Unglücklicherweise hatte ich sie vorher aus den Augen verloren, sodass ich sie jetzt per Anhalter einholen will. Wir sind eine Spezialeinheit mit dem Geheimauftrag, eine Massenvernichtungswaffe neuester Art zu finden. Damit erpressen wir dann China und den Westen. Das ist das, was ich sagen darf. Sie müssen verstehen, das ist eine Geheimmission, daher kann ich Ihnen nur diese ganz groben Eckdaten verraten. Außerdem suchen wir eine Familie, deren Tochter einen geheimen Chip in sich trägt. Ihr Vater ist Raketenforscher. Aber mehr verrate ich wirklich nicht!“
„Das ist ja auch schon mal etwas … Sagen Sie, Sie halten uns aber doch nicht für diese Familie, die Sie suchen?“
Da lacht er! „Nein, Sie haben einen Anhalter mitgenommen. Das würde die gesuchte Familie sicherlich nicht tun. Das wäre eine zu perfekte Tarnung!“
Nun stimme auch ich ein ins Lachen und weiß jetzt, warum ich mit Babbel Russisch gelernt habe.
14.00 Uhr
Der Russe Mike Grell schläft seit einer Stunde, immerhin ist Zacharias jetzt wieder wach. Er hat den Platz mit meiner Frau gewechselt, die nun ein Nickerchen macht. Meine Anregung, dass vielleicht nicht immer ausgerechnet derjenige schlafen sollte, der gerade fährt, wurde ignoriert und so hoffe ich das Beste.
Ich habe Zacharias eine Whatsapp geschrieben, um ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass wir uns ausgerechnet einen von denen ins Auto geholt haben, die hinter uns her sind. Jetzt endlich checkt er sein Handy.
Moment, was tut er da?! Er … nein, lesen! Du musst sie lesen! Er lässt sie sich vorlesen!
„MIKE GRELL IST RUSSISCHER SPION ODER SO. ER SUCHT UNS, HAT UNS ABER NOCH NICHT ERKANNT! DIESE NACHRICHT BITTE NICHT LAUT LESEN ODER VORLESEN LASSEN!“
Zacharias dreht sich zu mir nach hinten um: „Hast du das gehört?“, fragt er mich.
Mike Grell ist wach. Hat er die Nachricht gehört? Versteht er Deutsch?
„Von wem mag diese seltsame Nachricht sein?!“, rätselt Zacharias weiter.
„Hast du mich nicht in deinem Handy eingespeichert?!“, frage ich.
„Ach, die ist von dir? Dann ergibt sie Sinn. Was tun wir jetzt mit Mike Grell?“
„Nun“, setze ich an, „Offenbar versteht er kein Deutsch. Immerhin.“
Tatsächlich sitzt Mike Grell völlig ungerührt da und starrt meiner am Steuer schlafenden Frau, der etwas Speichel aus dem Mund fließt, auf die Brüste. Kein besonders günstiges Bild, aber es ist ohnehin gerade nicht die Zeit, sie zu fotografieren.
„Hältst du es für machbar, dass ich über ihn hinübergreife, die Tür öffne und ihn dann aus dem Auto stoße?“, frage ich Zacharias.
„Das habe ich auch überlegt. Wenn das gelänge, wären wir ihn nicht nur los, sondern es sähe auch noch sehr cool aus. Und ehrlich gesagt wäre es das Mindeste, das man von einer Abenteuergeschichte erwarten könnte.“
Na dann, denke ich, und greife blitzartig über Mike Grell hinüber, ziehe am Griff der Autotür, verhake ich mich dabei in Mike Grells Anschnallgurt, ziehe meine Arm zurück, bleibe dabei an einem Maschinengewehr hängen, das Mike Grell offenbar mit sich trägt. Es war eben nicht sein Ellbogen, der sich die ganze Zeit in meine Rippen gebohrt hatte, sondern eben diese Schusswaffe. Mike Grell erkennt nun die Attacke, greift zu seinem Maschinengewehr, verhakt sich dabei in meinem Anschnallgurt, der nun ungünstigerweise meine Kehle abschnürt. Leicht benommen blicke ich zu meiner Tochter rechts neben mir, die sich das quietschvergnügt ansieht und winkt. Sie winkt ja immer. Sie winkt auch in unpassenden Momenten.
Nun endlich wird meine Frau wach, sammelt sich kurz und steigt in die Eisen. Ruckartig kommt das Auto fast zum Stillstand, Mike Grell reißt es nach vorn, wodurch sich der mich geißelnde Anschnallgurt noch weiter verengt. Das Maschinengewehr gibt mehrere Salven ab, vermutlich wurde der Demo-Modus aktiviert. Meine Tochter kriegt sich nicht mehr ein, selten wurde ihr in ihrem noch sehr jungen Dasein ein solches Schauspiel geboten.
Ich röchle und blicke Zacharias flehend an. Der sucht im Handschuhfach nach etwas.
„Ah, da sind sie, meine Handschuhe!“, ruft er, zieht diese über, greift sich Mike Grell, der mit dem Kopf über dem Schalthebel hängt. Entschlossen drückt er Mike Grell ruckartig nach unten, sodass sich der Schaltknüppel in dessen Kehle drückt. Meine Tochter ist begeistert und greift nach dem Maschinengewehr, weil Kinder in diesem Alter nach allem greifen. Ihr gelingt es (wobei das zu planvoll klingt), das Gewehr auf meine Frau zu richten. Ich würde ja eingreifen, bin aber im Prinzip schon ohnmächtig.
Mike Grell hingegen ist bereits tot. Zacharias öffnet die Beifahrertür, zerrt Mike Grells untere Hälfte nach vorn zu seiner oberen und wirft ihn aus dem fahrenden Auto. Endlich nimmt meine Frau unserer Tochter das Gewehr ab. Zacharias hat es nun einrichten können, mich aus meiner ungünstigen Lage befreien zu können.
„Wofür die Handschuhe?“, frage ich ihn röchelnd.
„Wegen der Fingerabdrücke. Das war nicht der erste, den ich ermordet habe, Seppo. Es ist viel passiert in den letzten Jahren …“
Wir sind fast da. Wir stehen kurz vor der Grenze des gefallenen Staates. Die Mission Rutztekostan hat begonnen.
Wie spannend, finden Sie nicht auch? Sobald wir unsere geheime Unterkunft werden bezogen haben, geht es hier in der Vollständigen Edition weiter mit


„Bist du irre? Rast machen wir zwischendurch in Ruanda? Oder am besten gleich in Sachsen?!“
Als relativ neuer Görlitzer sehe ich das als persönlichen Affront an. Immerhin ist es die schönste Stadt der Welt. So ca.
Dummerweise aber auch so AfD-verseucht, dass der Kommentar Ihrer Gattin nur absolut folgerichtig ist. Wenn es schon nicht Thüringen sein darf.
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😁
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