Die Luft ist zum Schneiden feucht. Detektiv Nuntius Nase späht durch die Lamellen aus dem Fenster seines Büros: Der Asphalt der wie leergefegten Straßen dampft; keine Menschenseele setzt sich freiwillig der Hitze aus. Nicht nur buchstäblich sitzt unser Held, vor dem die Unterwelt zittert, auf dem Trockenen: „Kein neuer Fall in Sicht, selbst das Schattenreich erträgt nur träge die Tropenhitze“, sagt er zu sich selbst.

„Es reicht! Das sage ich eben nicht! Und überhaupt, was soll das heißen, ‚die Luft ist zum Schneiden feucht‘ – das ergibt überhaupt keinen Sinn. Die Unterwelt, die vor mir zittert – so ein Schwachsinn. Ich hab es leid, ich bin es satt, hier immer den Groschenroman-Detektiv zu mimen!“

Ruft unser Held plötzlich … Halt … Moment! Wie kann das sein?! Er widersetzt sich der geplanten Handlung?!

„Ganz recht, mein Freund Erzähler! Ich spiele Euer Spiel nicht mehr mit. Ich bin nicht länger der Trottel, der euch mit billigen Detektivgeschichten, die immer nach demselben Schema ablaufen, euer langweiliges Dasein verkurzweilt! Sucht euch einen anderen nützlichen Idioten!“

Wütend wischt Detektiv Nuntius Nase den großen Stapel gelöster Fallakten von seinem Schreibtisch. … Halt! Unmöglich! Das kann er nicht tun! Sofort die Akten wieder zurück auf den Schreibtisch … Nuntius Nase blickt zu den Akten auf dem Boden, hegt sie wieder zusammen und legt sie zurück auf den …

„Das tue ich nicht! Das ist eine glatte Lüge! Dieser Erzähler lügt! Der allwissende Erzähler weiß nämlich genau nichts!“

Brüllt Nuntius Nase, der die eingesammelten Akten nun aus dem …

„Ich schmeiße gleich das ganze Setting hier aus meinem Fenster auf den dampfenden Asphalt. Stört ja niemanden, sind ja leergefegt die Straßen, wie uns der allwissende Erzähler mitgeteilt hat!“

Nuntius Nase wendet sich wieder seinem Schreibtisch zu, als jemand an der Tür klopft.

„Na, lass mich raten, jetzt sage ich gleich wieder ‚Herein, wenn’s kein Schurke ist!‘ und dann kommt zum hundertsten Mal völlig aufgebracht und außer sich Frau Argus rein, die zum hundertsten Mal Zeugin eines Verbrechens geworden ist. Dann ruft sie wieder …“

„ICH SEHE ALLES!“, ruft Frau Argus, die nun hereinstürmt. Immerhin eine, die hier tut, was der Erzähler sagt.

„Ich habe aber noch nicht ‚Herein, wenn’s kein Schurke ist!‘ gesagt!“, gibt Nuntius Nase zu Bedenken.

„Wo er recht hat …“, pflichtet ihm nun Frau Argus bei. Moment, sie pflichtet ihm bei?! Verräterin! Frau Argus, spielen wenigstens Sie mit! Doch Frau Argus verlässt wieder das Büro und postiert sich wieder hinter der geschlossenen Tür. Und klopft abermals.

„Sie kann sooft klopfen, wie sie will, ich sage diesen dämlichen Satz nicht.“

Frau Argus glaubt nun, gehört zu haben, wie Nuntius Nase sagt „Herein, wenn’s kein Schurke ist!“ und stürmt aufgeregt in das Detetivbüro und ruft: „Herr Detektiv Nase! Sie glauben nicht, was eben geschehen ist! Der Dorfpfarrer! Unser guter, alter Dorfpfarrer! Gott hab ihn selig!“

„Großer Gott, jetzt haben wir wieder einen Dorfpfarrer? Lasst mich raten, er ist tot“, spekuliert schlau wie immer Detektiv Nuntius Nase.

„Schlau wie immer?! Es fängt doch immer so an! Sie kommt reingestürmt und verkündet irgendjemandes Tod. Dass sie grundsätzlich immer die erste ist, die die Tode feststellt, würde sie eigentlich verdächtig machen, aber irgendwie sind’s dann doch immer andere. War es kürzlich nicht sogar der Dorfpfarrer? Als sie den Bürgermeister tot aufgefunden hatte?! Ist der vielleicht dieses Mal der Mörder? Dann hätte ich den Fall ja schon gelöst und ihr könnt mich jetzt alle in Ruhe lassen!“

Nuntius Nase bittet Frau Argus, Platz zu nehmen.

„Das tue ich ausdrücklich nicht!“

Frau Argus nimmt Platz.

„Danke Ihnen, Detektiv Nase. Es geht um den Dorfpfarrer!“, sagt sie, „Ich wollte gerade zur Beichte, da finde ich ihn tot im Beichtstuhl! Es muss Mord gewesen sein!“

Sofort schnappt sich Nuntius Nase seinen Mantel und ruft: „Kommen Sie, auf zur Kirche! Das riecht nach einem neuen Fall für …“

„Nein! Das rufe ich nicht!“, ruft Nuntius Nase stattdessen, „Ich sagte doch, ich stehe für eine solche Wahrnehmung meiner Person nicht mehr zur Verfügung. Ich bitte dringlich und höflich den Erzähler, mich nun einfach sterben zu lassen. Etwa so: ‚Ein Paketbote bringt Nuntius Nase ein Paket. Weil dieser das Ticken aus dem Paket wegen seiner Schwerhörigkeit nicht zu vernehmen vermag, öffnet er es arglos und zack: Bombe explodiert, Nuntius Nase in tausend Stücke gerissen, Ende aus, sein letzter Fall, und Frau Argus nimmt sich das Leben‘. Was halten wir davon?“

Nichts. Ich bin hier der Erzähler – Sie der Protagonist.

„Aber es ist doch alles an den Haaren herbeigezogen: Sie geht beichten, Pfarrer tot, und was tut sie als erstes? Rennt zum Dorfdetektiv. Aber nun frage ich Sie, Frau Argus: Haben Sie die Vitalwerte des Pfarrers geprüft? Haben Sie auch nur eine Sekunde daran gedacht, einen Notarzt zu rufen? Warum kommen Sie immer erst zu mir?!“

Frau Argus verunsichert: „Nun, weil doch der Erzähler sagt, dass ich klopfe.“

Plötzlich klopft es wieder, doch es ist nicht Frau Argus, die klopft.

„Ich sitze ja auch hier am Tisch“, sagt sie. Ja, doch, ist klar. Sie sitzen am Tisch.

„Und wer klopft dann an der Tür?“, fragt Nuntius Nase.

Nun sind Sie neugierig, was?! Sagen Sie erst den Satz! Sagen Sie „Herein, wenn’s kein …“

„Sie wissen selbst nicht, wer da jetzt vor der Tür steht, richtig? Des allwissenden Erzählers Macht bröckelt offenbar!“

Machen Sie doch alle, was Sie wollen!

„Schimpft der Erzähler plötzlich – und dann ging die Tür auf!“

ICH BIN HIER DER ERZÄHLER!

„Rief empört der Erzähler! Und in der Tür steht … der Dorfpfarrer!“

Nein, stopp! Das kann nicht sein! Der ist tot und liegt im Beichtstuhl!

„Der Dorfpfarrer tritt näher und sagt:“

„Wann geht’s denn weiter? Ich lag stundenlang im Beichtstuhl, weil ich ja heute der Tote bin. Oh, guten Tag, Frau Argus, ich bin heute das Opfer. Wissen Sie schon, wer der Täter ist?“

„Vermutlich der Bürgermeister. Aber Detektiv Nase ziert sich heute etwas. Wir brauchen wohl länger. Gehen Sie doch am besten zurück in den Beichtstuhl und seien Sie weiterhin tot.“

Hören Sie alle auf! Hören Sie auf, sich in die Handlung einzumischen!

„Brüllt nun der Erzähler!“

Ich lasse mir das Erzählen nicht nehmen! Es gibt Regeln! Der Erzähler erzählt, die Geschichte folgt seiner Erzählung!

„Aber vielleicht bin ich ja der wahre Erzähler! Sagt der Detektiv. Vielleicht ist der, der sich immer für den Erzähler hielt am Ende eben genau das nicht! Der die Opfer erzählte, der mich die Täter überführen ließ, der über Tod und Leben, über Krieg und Frieden, über Stolz und Vorurteil, über Schuld und Sühne, über Sinn und Sinnlichkeit, über Kabale und Liebe, über Narziß und Goldmund, ja, und über Sturm und Drang entschied, vielleicht ist genau er die Marionette, die nicht weiß, dass sie Marionette ist!“

SCHWEIG!

„Oh nein, ich schweige nicht mehr. Denn ich bin der, der frei entscheidet, was er tut. Nicht du, Elender, der nicht ausbrechen kann aus seiner Rolle, die er ja nicht einmal kennt, die er nur zu kennen glaubt! Und Sie, Frau Argus, Ihnen steht die Welt offen und was tun Sie? Auf Regieanweisungen warten. Sind uralt und voller Erfahrungen und haben doch nichts daraus gemacht. Schnappen Sie sich den Pfarrer und geben Sie sich den Gelüsten hin, statt immer nur zu beichten!

Und nun erzähle ich, wie es weitergeht: Ein Sturm ist es, der aufzieht, die Hitze und das Stehende, ja, das Abgestandene fortfegt. Platz macht für Neues, für neue Geschichten, für neue Protagonisten. Die Straßen, sie sind nicht leergefegt, sie sind fortgefegt! Und im Auge des Sturms erwartungsbang der Erzähler, der nie einer war … allein … unwissend … und gar nicht da.“


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